„Alles. Zuerst. Einmalig.“

Mit dem Onlinezugangsgesetz (OZG) des Bundes bekommt die Digitalisierung in Deutschland zusätzlichen Schwung. Alle Leistungen der Verwaltung müssen bis Ende 2022 digital verfügbar sein. INFORM, das Magazin der HZD, wirft einen Blick nach Hessen, wo Finanzminister Dr. Thomas Schäfer als Chief Information Officer (CIO) federführend für die digitale Verwaltungsmodernisierung zuständig ist.

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Hessens Finanzminister und CIO Dr. Thomas Schäfer
Hessens Finanzminister und CIO Dr. Thomas Schäfer

Herr Minister Dr. Schäfer, das Thema Digitalisierung ist derzeit in aller Munde, nicht zuletzt bei Politik und Verwaltung. Durch das Onlinezugangsgesetz ist neuer Handlungsdruck entstanden. Hessen wird in Sachen Digitalisierung stets als eines der wegweisenden Bundesländer benannt – worauf führen Sie, der verantwortliche CIO des Landes, diese Vorreiterrolle zurück?

Das hat ganz vielfältige Gründe. Für uns in Hessen steht das Thema nicht erst seit heute auf der Agenda. Wir hatten auf Landesebene schon recht früh den Mut, die große Herausforderung der Verwaltungsmodernisierung anzupacken. Mit der Schaffung einer CIO-Funktion auf Ebene der Landesregierung hatte Hessen im Jahr 2003 eine Pionierentscheidung in Deutschland getroffen. Im gleichen Jahr haben wir unsere erste große eGovernment-Strategie auf den Weg gebracht, die wir bis heute kontinuierlich fortschreiben. Seit dem Januar 2017 haben wir die Funktion eines Co-CIO eingerichtet, um in den ressortübergreifenden, alltäglichen Fragestellungen noch besser voranzukommen. Hierfür konnten wir mit Roland Jabkowski aus dem eGovernment-Musterland Österreich einen ausgewiesenen Fachmann gewinnen. Wie wichtig eine gute personelle und strategische Ausrichtung ist, sehen wir augenblicklich bei der Umsetzung des OZG – auch deshalb fühlen wir uns in unser Arbeit und auf unserem Weg bestätigt. Außerdem haben wir mit der HZD seit über 40 Jahren einen IT-Dienstleister an unserer Seite, dessen Produkte und Verfahren bundesweit hohes Ansehen genießen.

Und ein Geheimnis unserer Arbeit ist zweifelsohne, dass wir uns auf Erreichtem nicht ausruhen. Deshalb bauen wir beispielsweise auch konsequent Ausbildungs- und Studienprogramme zur Gewinnung neuer IT-Fachkräfte auf. Zu nennen sind hier etwa die neuen Kooperationen zwischen der Hessischen Finanzverwaltung und der Hochschule RheinMain sowie der Technischen Hochschule Mittelhessen. Zusammenfassend lässt sich sagen: Wir sind für die großen Herausforderungen der digitalen Transformation ordentlich aufgestellt und dort, wo wir nachjustieren müssen, etwa bei der Gewinnung von IT-Spezialisten für die kommenden Jahre und Jahrzehnte, stellen wir entschlossen und umsichtig die richtigen Weichen.

Wie sieht denn die Verwaltung im digitalen Hessen aus?

Die digitale Verwaltung ist vor allem eines: kein Selbstzweck. Sie soll den Bürgerinnen und Bürgern, den Unternehmen und natürlich auch den Menschen, die in der Verwaltung arbeiten, dienen. Die Verwaltung selbst profitiert also auch von neuen Informations- und Kommunikationstechnologien, denn diese sparen Geld und Zeit und dank ihnen kann man beispielsweise in gewissen Bereichen Personal für andere Aufgaben einsetzen. Das ist insbesondere vor dem Hintergrund des demografischen Wandels ein wichtiger Aspekt und ein Mehrwert, den die digitale Verwaltungsmodernisierung mit sich bringt.

Bei unserer Arbeit leitet uns vor allen Dingen ganz klar eine Vision: Alles. Zuerst. Einmalig. So sehen wir das digitale Hessen. Alles, denn unser Ziel ist es, alle Angebote des Landes auch digital anzubieten. Zuerst, da es unser Ziel ist, neue Angebote des Landes zuerst digital anzubieten – nach wie vor aber auch analog. Und einmalig, da wir erreichen möchten, dass Bürger und Wirtschaft ihre Angaben bei der Verwaltung nur einmal machen müssen. Die Verwaltung soll dann auf die einmal gemachten Angaben immer wieder zurückgreifen können. Deshalb: Alles. Zuerst. Einmalig. Das ist das digitale Hessen der Zukunft.

Denkt man an Digitalisierung und Verwaltung, so liest und hört man häufig die Kritik, jede Verwaltungsebene, jedes Bundesland gehe zu häufig eigene Wege. Wie stehen Sie dazu?

Diese Kritik ist absolut berechtigt. Deshalb haben wir das Motto ausgerufen: Gemeinsam statt einsam! In dieser Legislaturperiode wurde dank unseres Einsatzes die KOPIT eG gegründet. Diese Gesellschaft fördert die Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Informationstechnologie zwischen dem Land Hessen, den hessischen Kommunalverwaltungen, den Universitäten sowie weiteren öffentlich-rechtlichen Institutionen. Ziel ist eine gemeinsame Beschaffung von Hard- und Software sowie IT-Dienstleistungen aller Art. Solch eine Herangehensweise wünschen wir uns zukünftig verstärkt auch bei der Zusammenarbeit von Bund und Ländern. Dafür setzen wir uns aktiv im IT-Planungsrat ein und gehen bei dem Aufbau der Föderale IT-Kooperation – kurz FITKO – voran, in dem wir der Motor beim Aufbau in den Räumlichkeiten der Oberfinanzdirektion in Frankfurt am Main sind. Und auch das ist mir wichtig: Bei der nun anstehenden Umsetzung des OZG hat sich Hessen bereit erklärt, für viele Leistungsbereiche die konzeptionellen Vorarbeiten für Bund und Länder zu übernehmen und damit zur Umsetzung des Gesetzes einen aktiven Beitrag zu leisten, von dem auch die anderen Länder und der Bund profitieren werden.

Apropos über die Grenzen hinaus: Im Juli waren Sie zusammen mit Co-CIO Roland Jabkowski und einer kleinen Delegation im Silicon Valley auf Inforeise. Was haben Sie für Hessen mitgenommen?

In jedem Fall einen wertvollen Blick in die Zukunft: Ein Aufenthalt im Silicon Valley ist eine Reise mit der Zeitmaschine. Dort zeigt sich für viele Bereiche, wie die Digitalisierung unser Leben weiter verändern wird beziehungsweise kann. Es wird vor Ort sehr anschaulich sichtbar, welchen Herausforderungen und Veränderungen sich Firmen, aber auch die Verwaltung, stellen müssen, um den digitalen Wandel erfolgreich gestalten zu können. Heute spielen Online-Inhalte und mobile Geräte in unserem Leben eine ganz wesentliche Rolle. Die Verwaltung muss damit Schritt halten, möchte sie weiterhin ein erfolgreicher Dienstleister für Bürger und Wirtschaft sein. Die Digitalisierung und wie wir ihr begegnen ist längst eine Standortfrage. Wir müssen uns also gründlich auf die anstehenden Veränderungen vorbereiten und die neuen Möglichkeiten als eine Chance begreifen, den Standort Hessen weiter nach vorne zu bringen. Dies gilt für die Wirtschaft, für junge Start-Up-Unternehmen aber auch für die Verwaltung. Letztere steht in einer täglichen Interaktion mit Unternehmen und Bürgern, deren Organisation des täglichen Lebens immer stärker digital ist.

Meine größte Erkenntnis der Inforeise ist sicherlich: Silicon Valley, das ist nicht nur ein Ort an dem innovativ gedacht wird, sondern auch eine Geisteshaltung. Eine, die wir uns in Hessen und Deutschland zumindest in Teilen aneignen sollten, und – wenn wir die Entwicklung der Welt weiter mitgestalten möchten – sogar müssen. Die eigenen Stärken und die eigenen Produkte selbstbewusst verkaufen, Mitarbeiter noch stärker mitnehmen. All das geht nicht nur an der San Francisco Bay, sondern auch an Rhein, Main, Fulda und Lahn.

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